Praxisgründung im Schatten der Corona-Krise?

„Bleiben Sie gesund!“ haben wir jetzt oft genug gehört… Bei meinen Mandanten rückt aber immer mehr der wirtschaftliche Aspekt dieses Wunsches in den Vordergrund. Mitunter herrscht die blanke Panik. Letzten Monat gerade noch eine neue Maschine gekauft, zwei neue Helferinnen eingestellt und das Finanzamt hat Mitte März die Einkommensteuer-Vorauszahlung für ein Quartal abgebucht. Das Konto ist leer, und dann das!

Der Gedanke liegt nahe, diejenigen, die sich gerade mit einer Praxisgründung beschäftigen und das Entsetzen bei ihrem Arbeitgeber mitbekommen, würden ihr eigenes Projekt jetzt sicher aufgeben. Und tatsächlich verkaufte sich mein Buch schlagartig überhaupt nicht mehr. Das Thema hatte seine Relevanz verloren. Für mich kamen nur noch Hamsterkäufe im Getränkemarkt in Betracht.

Und dann geschah Sonderbares. Am vergangenen Wochenende wurden auf Amazon 5 Bücher verkauft. Ein Rekord! Ich rang nach Erklärungsansätzen: Natürlich waren einige Praxen geschlossen und Ärzte sowie insbesondere Zahnärzte lümmelten sich tatenlos auf dem Sofa. Einige derer beschäftigten sich dann wohl aber doch mit einer Niederlassung. Für sie schien es eine Zeit nach COVID19 zu geben.

Dieser Ansicht bin ich ebenfalls: Seit den 90ern bewege ich mich in der Life-Science Branche und habe über bundesweite Anti-Korruptions-Einsätze, der Weltwirtschaftskrise 2008 und Flugverkehr-verhindernden Vulkanausbrüchen schon alles erlebt. Retrospektiv waren das alles letztlich nur Dellen in einer stetig wachsenden Entwicklungskurve.

Aber beginnen wir doch mit der Frage, die mir in diesen Tagen in fast jedem Telefonat gestellt wird: „Ist denn jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Selbständigkeit?“ Mir kam gleich die nette Kardiologin in Erinnerung, die 2011 mit der Begründung von der Niederlassung absah, dass ja bald die privaten Krankenkassen abgeschafft würden.

Ist denn ein Umfeld des wirtschaftlichen Wohlstandes besser, in dem die niedergelassenen Konkurrenten ihre Marketing-Kassen prall gefüllt haben? Jeden Neupatienten müssen Sie da mühsam abwerben und zum Praxisstart viel Geld in die Hand nehmen. Jetzt, im Aftermath der Krise, haben alle genug mit sich selbst zu tun. In meiner Beratung laufender Praxen begleite ich derzeit nichts Schönes: Entlassungen, Kurzarbeitergeld, Panik-Kreditaufnahmen, hysterische Angestellte, die mit Mundschutz am Computer sitzen.

Auch bekomme ich Praxisschließungen mit. Entweder wegen einer Anordnung des Gesundheitsamtes oder auf Grund von panischen Krankmeldungen des Personals. Auf der anderen Seite erleben andere Mandanten einen plötzlichen Zuwachs an Neupatienten! Na klar, wo sollen die Patienten denn auch hin?

So traurig und dramatisch das im aktuellen Fall für alle ist, wirtschaftliche Abschwünge sind für Neugründungen tatsächlich die besseren Zeiten. Man muss die Umstände nur richtig deuten:

  • Der Staat garantiert Ihre Einnahmen sowie das Preisniveau Ihrer Dienstleistungen auch in Krisenzeiten. Zudem sind die meisten Gesundheitsleistungen Konjunktur-unabhängig.
  • Die von der Krise gebeutelten Wettbewerber stellen oder frieren ihre Marketing-Ausgaben ein.
  • Patienten orientieren sich um und probieren Neues.
  • Es ist wieder Personal auf dem Markt verfügbar.
  • Für den Umbau oder die Renovierung gibt es tatsächlich Handwerker.
  • Ganz zu schweigen von den unermesslichen Rabatten, die die Zulieferer von Maschinen und Möbeln in einer wirtschaftlichen Flaute anbieten. (Ich war selbst mal einer…)

Zudem kann man erwarten, dass Ihre Kollegen-Generation „65 plus“ jetzt vermehrt aufhören wird. Ich bekomme hierzu schon Hinweise. Man wollte eigentlich noch einige Jahre machen aber diesen wirtschaftlichen Stress brauche man dann doch nicht mehr. Es werden also vermehrt Praxen auf den Markt kommen! Bringen Sie sich in die Position, zugreifen zu können. Da eh ein bis zwei Jahre zwischen der ersten Idee und dem ersten Patienten vergehen, ist jetzt tatsächlich ein guter Zeitpunkt, anzufangen!

Wenn Sie sich vor Corona schon niederlassen wollten, dann ändert der Virus an diesem Lebensziel eh nichts. Und so haben alle meine derzeit vor der Eröffnung stehenden Mandanten ebenfalls reagiert: „Na klar machen wir weiter!“ Sie würden es sich „nicht verzeihen“, ihren Lebenstraum aus einer kurzen Panik heraus aufzugeben. Die nächste Krise möchten sie als Kapitän durchkreuzen.

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